Einführung der AG „Posthumanes, Mehr-als-Menschliches und Nicht-Menschliches“

Der Titel dieser Ausstellung enthält eine Herausforderung: Wir waren nie nur Mensch. Auf den ersten Blick scheint das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité ein Ort zu sein, an dem genau das Gegenteil der Fall ist: Es zeigt Präparate, Instrumente und Sammlungsobjekte, die über Jahrhunderte dazu dienten, den menschlichen Körper zu untersuchen, zu verstehen und in den Mittelpunkt zu stellen. Es scheint ein Museum des anthropozentrischen Blicks.

Auf den zweiten Blick aber erzählen dieselben Objekte eine andere Geschichte: von Beziehungen, die den Menschen nie als isoliertes Wesen zeigen, sondern als Knotenpunkt vielfältiger Bezüge.

Grußwort Monika Ankele
Direktorin des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité

„Wir waren nie nur Mensch.“ Ein Satz, der für ein medizinhistorisches Museum zunächst irritierend klingt. Denn kaum ein anderer Ort scheint den Menschen so sehr ins Zentrum zu stellen wie ein Museum, das sich der Geschichte der Medizin und damit der Erforschung des menschlichen Körpers widmet. 1899 von Rudolf Virchow als „Pathologisches Museum“ eröffnet, umfasste die Sammlung zunächst vor allem pathologisch-anatomische Präparate, die Erkrankungen an Organen und Geweben des menschlichen Körpers visualisierten. Seither haben sich sowohl das thematische Spektrum als auch die Sammlungen des Museums erweitert und verändert. Heute stehen neben Krankheit und Pathologie auch diagnostische Verfahren, medizinische Instrumente sowie die vielfältigen Handlungs- und Aktionsräume der westlichen Medizin im Fokus. Das Museum widmet sich damit einem über Jahrhunderte gewachsenen Versuch, den Menschen zu verstehen und dem „Leben auf der Spur“ zu sein, wie es der Titel unserer Dauerausstellung formuliert.

Wir waren nie nur Mensch, Diagramm: Adrian Notz, 2026

Kuratorische Einführung

Der Titel Wir waren nie nur Mensch fragt nach der Gegenwart und dem Menschlichen – im Sinne des Posthumanen. Er beschreibt eine Suchbewegung entlang der Grenzen dessen, was wir als menschlich verstehen. Was waren wir sonst noch? Und was können wir noch sein? Wer ist „wir“? Wo beginnt und endet das Menschliche, und wo beginnt das Posthumane?

Im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité, in dessen Zentrum der Mensch mit Organen und Körperfunktionen, seiner Gesundheit und seinen Krankheiten steht, wirkt die interventionistische Ausstellung Wir waren nie nur Mensch zunächst wie ein Widerspruch, versteht sich in diesem Kontext jedoch als Erweiterung. Das Museum ist mehr als nur ein Ausstellungsort: Es ist ein Gegenüber.

Beiträge

    • vocal fold tension mismatch

      Zwei vibroakustische Installationen zur „Somatik der Falte“ zwischen Körper, Material und Klang. (sikau/pubalova)

      In Zusammenarbeit mit Amos Peled und Denis Połeć.

      Zwei bloße Hände, mit den Handflächen nach unten, drücken auf eine zerknitterte, hellgrüne, glänzende Vinylfolie und glätten sie.
    • Zwischen Untergang und Aufbruch

      Fünf Porzellanobjekte zu dystopischen Zukunftsbildern und der Fragilität des Menschlichen (Rona Kobel)

      Eine Person mit weißen Handschuhen hält eine blaue Baseballkappe mit der goldenen Aufschrift „Mankind Rocks“ zwischen zwei anatomischen Schädelmodellen auf einem hellgrünen Regal. Der linke Schädel ist unbemalt, der rechte ist farblich hervorgehoben, um die Gesichtsknochen zu betonen. Darunter liegen zwei kleine Informationskarten.
    • Bju:tiful?

      Workshop mit Jugendlichen zu Vorstellungen von Körper, Schönheit und Normalität – von kolonialen und rassistischen Wissensordnungen bis zu KI-generierten Bildern und transhumanistischen Zukunftsvisionen. (Anne Hemkendreis und Hannimari Jokinen)

      Auf einem weißen Museumsständer ist ein horizontaler Messschieber aus Messing und Stahl mit einer verschiebbaren Noniusskala und zwei spitzen Beinen befestigt. Links davon befindet sich eine braunstichige Querschnittsabbildung mit der Beschriftung „Abb. 13“, rechts davon ein weißes, poröses Knochenfragment.
    • Lassen Sie uns reden

      Interaktive Audiotour mit 5 Stationen, die ethische Fragen zu Norm, Krankheit, Selektion und Gen-Editing mit einer medizinischen und philosophischen Perspektive verhandelt. (Radin Dardashti + Sarah Kim-Hellmuth)

      Metallmolekülmodell, bestehend aus miteinander verbundenen grauen, sechseckigen Metallplatten und weißen, gebogenen Segmenten, die durch dünne Metallstangen und verstellbare Klemmen zusammengehalten werden und in einer dreidimensionalen Anordnung vor einem dunklen Hintergrund schweben.
    • Flexible Körpermodelle im Gehirn

      Interaktive VR-Installation mit 3D-Drucken von Gehirnen, in der man im Selbstversuch mehr über die Anpassungsfähigkeit der eigenen Körperwahrnehmung erfährt (Jakub Limanowski)

      Oberkörper einer Person in einem weißen T-Shirt, die zwei 3D-gedruckte Gehirnmodelle in den Händen hält: eines ist weiß mit grünen Bereichen, das andere weiß mit gelben Bereichen. An der linken Hand trägt sie einen schwarzen Sensorhandschuh, der über ein Kabel mit einem kleinen Modul verbunden ist; an der rechten Hand trägt sie einen weißen Handschuh.
    • Posthumane Sauna

      Die Posthumane Sauna denkt Architektur als lebendigen Kreislauf aus Wärme, Wasser, Pflanzen und Mikroorganismen statt als starres Gebäude. Sie erprobt, wie Räume unter ökologisch instabilen Bedingungen selbst Ressourcen wie Wärme und Sauerstoff erzeugen könnten. (Benedikt Hartl)

      Eine kleine Tischkonstruktion aus ineinandergreifenden Holzstäbchen, die dreieckige Stützen bilden. Oben liegen zwei schräg gestellte Wellblechplatten auf, die über Drähte und rote LED-Leuchten mit einer zentralen Leiterplatte verbunden sind. Vier durchsichtige, hängende Kugeln, die grünes Moos und Erde enthalten, sind an dünnen Röhren und Drähten rund um den Holzrahmen aufgehängt.
    • Die Herzbestattung und die Frage: „Was bleibt?“

      Zwei 3D-Drucke von Herzbechern zur Frage „Was bleibt?“: die Reproduktion eines Reliquiars aus dem 5./6. Jahrhundert und die „Preproduktion“ eines zukünftigen Datenträgers. (Philipp Pilhofer)

      Auf einer Tischplatte aus Metall sind zwei cremefarbene, rechteckige Schaumstoffblöcke mit halbkreisförmigen Rillen übereinander gestapelt. Davor steht eine blaue Klappschachtel mit weißen technischen Symbolen, deren Deckel abgenommen ist. Rechts davon befindet sich ein hohes Glasgefäß mit getrockneten biologischen Proben.
    • A Living Artwork

      Interaktive Installation A Living Puppet von Sonja Bäumel und 17:06-minütiger Film A Living Artwork von Eddie Bolger zur Frage, wie und wodurch ein Kunstwerk lebendig wird und wie dieses Lebendige in Beziehungen und Abhängigkeiten statt im isolierten Körper entsteht. (Sonja Bäumel, Eddie Bolger, Janina Krepart, Birgit Nemec, Jules Sturm)

      Schwarz-weiße anatomische Illustration im Holzschnittstil, die einen präparierten menschlichen Oberkörper, Hals und Kopf zeigt, die an einer weißen Wand befestigt sind. An verschiedenen Stellen der Illustration sind dünne beigefarbene Schnüre angebracht. Darüber sind mehrere Rollen mit beigen Schnüren mit kleinen gelben Klammern an der Wand befestigt, deren lose Enden in Richtung der Figur ragen.
    • Skelettarm mit künstlichem Muskel

      Ein 3D-gedruckter Skelettarm, bewegt von einem weichen künstlichen Muskel, der elektrische Energie über eine flüssigkeitsgefüllte Hüllein mechanische Bewegung umwandelt, deutet an, wie Prothesen der Zukunft dem menschlichen Bewegungsapparat ähnlicher werden. (Philipp Rothemund)

      Hinter einer weißen Tischplatte steht eine Person, die ein weißes T-Shirt trägt und deren Brille am Ausschnitt hängt. Mit einer bloßen Hand hält sie einen Arm eines menschlichen Skeletts aus Kunststoff; mit einer weiß behandschuhten Hand umklammert sie dessen Unterarm, an dem eine flexible Kette aus rechteckigen Metallgliedern befestigt ist. Auf dem Tisch liegen eine durchsichtige Plastikbox mit grünen Schaumstoffchips, verschiedene Kabel, Plastikhandschuhe und ein Smartphone.
    • Neuro-Cooking

      Ein Wearable misst Hirnaktivität, Muskelspannung und Herzrhythmus bei der Arbeit mit Sauerteig und übersetzt Stress- oder Flow-Zustände in taktiles Vibrationsfeedback, um so die bereits bekannte entspannende Wirkung der Sauerteigarbeit zu verstärken. (Maciej Chmara und Anna Rosinke)

      Schreibtischoberfläche mit verstreuten Elektronikbauteilen, darunter ein schwarzer Servomotor, der an einer weißen, im 3D-Druck hergestellten Halterung befestigt ist, Bündel aus roten, gelben und schwarzen Kabeln, flexible, durchscheinende Schläuche, die mit blauen Klammern befestigt sind, ein runder Mehrpolstecker mit angeschlossenen Kabeln sowie teilweise sichtbare ausgedruckte Papiere.
    • VOID

      Eine skulpturale Videoinstallation aus einem Video und einer Wolfsskulptur. Entstanden aus dem Experiment, sich einer Landschaft anspruchslos auszusetzen, zeigt das Video nur Körperteile statt Personen. Im geteilten Blick mit dem Wolf lassen wir uns auf ein nicht-menschliches Sehen ein. (Levent Duran + Senem Gökçe Oğultekin)

      Foto eines mittelgroßen, haarlosen Wolfes mit blasser, faltiger Haut und sichtbarer Muskulatur, großen, aufrecht stehenden Ohren, mandelförmigen Augen und schlanken Beinen, der auf einem Betonboden vor einer abgenutzten grauen Wand steht.
    • Assistenz-Verwicklungen

      Eine Installation und Hörstation zeigt anhand einer ethnografischen Untersuchung von Pflegesensorbetten in Altersheimen, ob und wie sich das Versprechen der Technologie im Pflegealltag einlöst. (Stefanie Büchner, Jannis Hergesell + Malte Weber)

      Schematische Darstellung eines rechteckigen Bettumrisses von oben mit vier kleinen ovalen Sensorsymbolen – jeweils eines mittig an jeder Seite –, die durch farbige, geschwungene Linien mit einem zentralen Quadrat verbunden sind, das mit „Zentrale Rechenstelle: Datenerfassung, Abgleich mit historischen Schwellwerten“ beschriftet ist. Vier rechteckige Beschriftungen außerhalb der Bettränder listen die Sensorpositionen und -funktionen auf Deutsch auf: Druck- und Gewichtsmessmatte unter der Matratze, Bewegung/Temperatur/Luftfeuchtigkeit des Matratzenbezugs, Anwesenheits-/Bewegungs-/Radarsensor an der Decke sowie Ein- und Ausgangsalarm am Boden.

Künstler*innen und Wissenschaftler*innen

Sonja Bäumel + Eddie Bolger + Janina Krepart + Birgit Nemec + Jules Sturm, Stefanie Büchner + Jannis Hergesell + Malte Weber, Maciej Chmara + Anna Rosinke, Radin Dardashti + Tabea Gandelheidt + Sarah Kim-Hellmuth, Benedikt Hartl (Opposite Office), Anne Hemkendreis + Hannimari Jokinen, Rona Kobel, Jakub Limanowski, Senem Gökçe Oğultekin + Levent Duran, Philipp Pilhofer, Philipp Rothemund, Lea Luka Sikau + Denisa Půbalová + Denis Połeć + Amos Peled

Idee: Maciej Chmara, Radin Dardashti, Anne Hemkendreis, Sarah Kim-Hellmuth, Birgit Nemec
Kuration: Adrian Notz, Jenny Wolka
Design: Lukas Henneberger, Anna Rosinke, Michal Pecko
Szenografie: Lukas Henneberger, Maciej Chmara

Termine

Sprecher*innen

beteiligte Mitglieder

beteiligte Alumni / Alumnae

Aktivitäten